Archäologische Ausgrabungen am Frevelgraben bei Halberstadt
Erschließung des Industriegebiets „Ost“: Mittelalterliche Ortswüstung mit Grubenhäusern, Siedlungsgruben und Brunnen

Im Zuge der weiteren Erschließung des Industriegebiets „Ost“ in Halberstadt laufen im Bereich „Am Frevelgraben“ derzeit archäologische Ausgrabungen. Die Arbeiten erfolgen in enger Abstimmung mit der Stadt Halberstadt und werden vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt durchgeführt. Im Mittelpunkt der Untersuchungen steht eine mittelalterliche Wüstung, die bereits zahlreiche Befunde geliefert hat.
Archäologisches Areal mit langer Siedlungsgeschichte
Östlich von Halberstadt, in Höhe der Gessnerstraße, liegt nördlich des heute begradigten Frevelgrabens ein archäologisch bedeutendes Gelände. Nach Angaben der Stadt und des Landesamts siedelten dort Menschen über Jahrhunderte und bestatteten ihre Toten. Im Vorfeld der Erschließung südlich des Frevelgrabens waren durch geophysikalische Messungen bereits Teile einer mehrgliedrigen grabenartigen Umfassung sowie zahlreiche archäologische Spuren im Inneren erkannt worden. Seit März dieses Jahres wird das Areal ausgegraben.
Halberstadts Oberbürgermeister Daniel Szarata verweist auf die Bedeutung der Funde für das Verständnis der Stadtgeschichte und auf die gleichzeitige Entwicklung des Wirtschaftsstandorts Industriegebiet „Ost“. Die Untersuchung erfolge in enger Abstimmung mit dem Landesamt, damit wertvolle Zeugnisse fachgerecht dokumentiert und bewahrt werden könnten.
Hinweise auf eine mittelalterliche Ortswüstung
Nach Einschätzung des Landesamts handelt es sich bei dem Areal um eine sogenannte Ortswüstung, also um eine mittelalterliche Siedlung, die im Laufe der Zeit verlassen wurde. Besonders auffällig ist laut Susanne Friedrich, Abteilungsleiterin „Überregionale Bodendenkmalpflege“, die deutlich nachvollziehbare Parzelleneinteilung. Sie soll künftig weitere Einblicke in das Leben der ehemaligen Bewohner ermöglichen.
Dokumentiert wurden zahlreiche in Reihe liegende Grubenhäuser mit dazugehörigen Siedlungsgruben sowie zwei Brunnen. Nördlich der Anlage in Richtung des Grabens fehlen Hausstandorte; Grubenbefunde und Kulturschichten deuten dort aber auf eine intensive Nutzung des Uferbereichs hin. Aufgrund von Überschneidungen der Befunde und unmittelbar nebeneinander angelegten Grubenhäusern ist eine Zweiphasigkeit der Siedlung gesichert. Über die Zeit verlagerte sich der Ort offenbar durch neue Hausbauten etwas. Auch die Grabenstrukturen im Inneren und Äußeren der Wüstung belegen demnach ständige Änderungen und Erweiterungen des Areals.
Wenige Funde trotz guter Erhaltung
Auffallend ist den Angaben zufolge, dass trotz der dichten und guten Befunderhaltung nur wenige Funde überliefert sind. Zu den bisher geborgenen Stücken zählen vereinzelte Keramikscherben sowie wenige Metallfunde, darunter ein bronzener Zapfhahn, Beschläge und Gürtelschließen. Sie dürften nur einen kleinen Teil des einstigen Besitzes der damaligen Bewohnerinnen und Bewohner darstellen.
Möglicher Bezug zu „Kühlingen“
Mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit lässt sich der Name der Ortswüstung anhand historischer Karten bestimmen. Wüstungskarten aus der Zeit um 1900 vermerken gut einen Kilometer westlich des Wüstungsstandorts eine Ortswüstung namens „Kühlingen“. Auf Messtischblättern der Jahre 1872 bis 1943 ist unmittelbar nördlich der Grabungsfläche ebenfalls die Bezeichnung „Kühlingen“ eingetragen. Nach Darstellung der Pressemitteilung spricht dies dafür, dass es sich bei den ausgegrabenen Befunden und Funden um die Überreste dieser mittelalterlichen Ortschaft handelt.
Warum die Siedlung aufgegeben wurde, ist bislang ungeklärt. Eine Zerstörungsschicht wurde nicht nachgewiesen, auch Brände blieben dem Ort offenbar erspart. Eine genauere Datierung des Endes der Siedlung sollen Radiokarbon-Analysen ausgewählter Knochen von Tierskeletten liefern.
Die Ausgrabungen sollen noch bis Mitte Dezember dauern.
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